Mein allererster Blogeintrag war die Integration eines Youtube Videos. Es handelte sich dabei um einen Cartoon-Videoclip zu “Maxwell’s Silver Hammer” von den Beatles. Da es ziemlich blutig in diesem Filmchen hergeht, möchte ich, bevor einmal mehr die unsägliche Diskussion über die Verrohung der Jugend aufkeimt, ein “kleines” Statement zur Kindheits-Thematik abgeben. Ich stütze mich dabei auf zwei soziologische Texte:
[1] CLOER, Ernst: Kinder der Freiheit oder Krisenkinder - eine falsche Alternative? Erschienen in: Bullerjahn, Claudia u. a. (Hrsg.): Kinder-Kultur, ästhetische Erfahrungen, ästhetische Bedürfnisse. Reihe Kindheitsforschung. Band 11. Leske und Budrich. Opladen, 1999.
[2] JOSTOCK, Simone: Sozialwissenschaftliche Problemeinführung: Zur Gegenwartsdiagnose von Ulrich Beck. Erschienen in: Jostock, Simone: Kindheit in der Moderne und Postmoderne. Eine bildungstheoretische und sozialwissenschaftliche Untersuchung. Leske und Buderich. Opladen, 1999
1. Zusammenfassung der Texte
Zusammenfassung des Textes von Ernst Cloer
„Kinder der Freiheit” oder „Krisenkinder” - eine falsche Alternative?
In den Vorbemerkungen seines Aufsatzes zeigt Cloer die Problematik der Kindheits-Forschung auf. In der Regel seien Beschreibungen und Rekonstruktionen von Kindheit Beschreibungen durch Erwachsene. Laut Cloer sind diese erklärenden Rekonstruktionen immer zugleich Deutungen. Diese unterlägen, wie die Realgeschichte von Kindheit auch, einem ständigen Wandel. Außerdem würden die existierenden Deutungsmuster die Realgeschichte des Kindseins beeinflussen.
Der Aufsatz ist in vier Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel befasst sich Cloer mit der pädagogischen Ideengeschichte. Er nennt die Auffassungen über Kindheit und Kindeserziehung von August H. Francke, Ellen Key, Jean-Jacques Rousseau, Philippe Ariès, Lloyd deMause und Neil Postman. Cloer erwähnt bereits in den Vorbemerkungen zu seinem Aufsatz, dass die einzelnen Ansätze meist zu einer „problematischen Komplexitätsreduktion” tendieren würden. Rousseau spricht er von einer solchen Komplexitätsreduktion frei. Dessen Prinzip der „negativen Erziehung” belege die Bedeutung der Bi-Subjektivität der „vermittelnden” und der „aneignenden Generation” und somit die interaktive Struktur des Bildungsprozesses. Anhand des in der Öffentlichkeit vorherrschenden Klischees des Wertezerfalls der Jugend wird im zweiten Kapitel versucht zu zeigen, dass auch in den Alltagstheorien die Tendenz zur Bildung einer eindeutigen, einfachen Antwort existiere. Alltagstheorien seien also auch von einer Komplexitätsreduktion betroffen.
Das dritte Kapitel nutzt Cloer zur Auflistung von zehn Thesen, die den gesellschaftlichen Wandel aufzeigen sollen. Die erste These besagt, dass neue Freiheits- und Entscheidungsräume auf Kosten von etablierten Sicherheiten gehen. In der zweiten These führt er die Gefahr der Flexibilisierung der Biografiemuster und Lebensformen an, so genannte „Bastel- und Drahtseilbiografien” würden dadurch ungewollt begünstigt werden. Die Auswirkungen der daraus resultierenden Unsicherheit nennt Cloer in der dritten These. Es werde nun mehr auf die Erfüllung der Wünsche und Hoffnungen der Gegenwart geachtet, als auf die Gestaltung einer sicheren Zukunft. In der These Nummer Vier wird gezeigt, dass das eigenständige Konsumieren diverser Produkte und Angebote nicht gleichbedeutend sei der mit ökonomischer Unabhängigkeit von der Familie. Im Gegenteil, „Konsum-Selbständigkeit” könne zu einer Verlängerung der Abhängigkeit der Familie führen. Durch eine zeitliche Erweiterung der Geborgenheit, so heißt es in der fünften These, verschiebe sich der Zeitpunkt der Erfahrung der Übernahme von (Eigen-)Verantwortung. Die sechste These befasst sich mit dem Wandel des Ausbildungssystems. Heute sei es fast nicht möglich Bezüge zwischen den schulischen Inhalten und dem Berufswunsch herzustellen, da im späteren Leben ohnehin noch einige Umstellungen zu erwarten seien. Dies wirke sich negativ auf die Lernmotivation aus. Die siebte These besagt, dass der Wandel der familialen Erziehungsverhältnisse zu einer Verschiebung der als wichtig angesehenen Erziehungsinhalte führe. Inhalte und Werte, die den Kindern nicht von den Eltern vermittelt werden, müssten später von den Heranwachsenden selber in Erfahrung gebracht werden. Kindzentrierte familiale Erziehungsverhältnisse würden eine hohe Anforderung an die kindliche und jugendliche autonome Ich-Leistung darstellen. These Acht weist auf den Umstand des jederzeit möglichen Zugangs zu nahezu alle Weltthemen hin. Es sei nun nicht mehr nötig sich den Zugang zu Geheimnissen zu erkämpfen, es bestehe jetzt eher die Notwendigkeit sich vor der Informationsflut zu schützen. Die eingeebneten Generationsdifferenzen würden durch neue generationsspezifische Kultur-differenz- und Fremdheitserfahrungen ersetzt werden, heißt es in der neunten These. Durch die Einebnung der Differenzen zwischen den Generationen würden neue Differenzerfahrungen, auch Fremdheitserfahrungen, an Bedeutung gewinnen. Der Generationenkonflikt sei wichtig für die Entwicklung des Individuums. Die zehnte und letzte These weist auf den Charakter von Selbstfindung hin. Selbstfindung könne als eine Chance, aber auch als Anstrengung und Dauerbelastung angesehen werden.
Das vierte Kapitel des Cloer-Aufsatzes handelt von den Lebensproblemen der Kinder und Jugendlichen. Wieder stellt Cloer zehn Thesen auf: These Eins weist darauf hin, dass die moderne Kleinfamilie ihre herausragende Stellung als primäre Sozialisationsinstanz verloren habe, gleichzeitig jedoch neue Aufgaben erhalten habe, wie z.B. die „Clearingstelle”-Funktion. Die zweite These greift die bereits im oberen Text erwähnte Ambivalenz der Kinderzentriertheit auf. Als dritte These werden die Reduktion von Geschwistererfahrungen und der damit verbundene erschwerten Aufbau sozialer Kontakte angeführt. In der vierten These heißt es Kinder seien Mitbetroffene der Krise der Arbeitsgesellschaft. Als fünften Punkt nennt Cloer die Erschwernis normalbio-graphischer Lebensentwürfe und berufsbezogener Bildungsentwürfe als mögliches Lebensproblem der Heranwachsenden. In der sechsten These werden der Anstieg der Trennungs- und Scheidungserfahrungen und die damit verbundene Verlustangst als ein für Kinder existierendes Problem genannt. Die siebte These nennt die Problematik des kontinuierlichen Anstiegs der Alleinerziehenden-Gemeinschaften. Hier bestehe für das Kind die Gefahr, durch ein „symbiotisches Beziehungsarrangement” die seelische Autonomie zu verlieren. In der achten These wird die Expansion autonomer medialer Versorgung der Kinder in den eigenen Kinderzimmern und Polarisierungstendenzen in den familialen Mediennutzungsgewohnheiten als mögliche Problemquelle erwähnt. Problematisch sei auch, heißt es in der neunten These, die Überforderung der Kinder durch die Komplexität der pluralen Gesellschaft und der damit verbundenen Häufung von Widerspruchserfahrungen. In der zehnten These wird die Ambivalenz der autonomen Selbstfindungsmöglichkeit aufgeführt. Sie könne entweder als eine Chance wahrgenommen werden, aber auch als negative Dauerbelastung.
In den Schlussbemerkungen seines Aufsatzes beantwortet Cloer die im Titel gestellte Frage „Kinder der Freiheit oder Krisenkinder - eine falsche Alternative?” eindeutig mit „ja”. Es sei durchaus so, dass viele Heranwachsende die existierenden Freiheiten begrüßten und nutzten, aber es gebe auch Andere, die die eröffneten Entscheidungsmöglichkeiten als sie überfordernde Orientierungsunsicherheiten und Entscheidungszwänge erlebten.
Zusammenfassung des Textes von Simone Jostock
Sozialwissenschaftliche Problemeinführung: Zur Gegenwartsdiagnose von Ulrich Beck.
In den Vorbemerkungen gibt Jostock das Ziel ihrer Arbeit und die Grundlagen hierfür an. Das Ziel sei einen Kindheitsbefund zu erstellen. Dabei diene der Autorin die Gegenwartsdiagnose der Risikogesellschaft von Ulrich Beck als Grundlage, da Becks soziologische Diagnose des Sozialen Wandels vielfach als eine angemessene Diagnose für die Bundesrepublik Deutschland angesehen werde. Die Arbeit von Jostock sei durch den zu erstellenden Kindheitsbefund ein Beitrag zur Überprüfung der Gültigkeit des Beck’schen Basistheorems der Individualisierung für die Kindheitsforschung. Das Individualisierungstheorem könne direkt auf Kindheit bezogen werden, weil die soziologische Perspektive Kinder und Kindheit als vollwertige Bestandteile der Gesellschaftsstruktur annehme.
Jostock untersucht Kindheit entlang der maßgeblichen drei Dimensionen des Individualisierungstheorems Becks. Auf der ersten Ebene (Ebene der Freisetzung) wird der Zusammenhang zwischen der Freisetzung bzw. Herauslösung von Kindheit aus traditionellen Familienformen und aus innerfamilialen Bindungen analysiert. Hier kommt Jostock zu dem Schluss, dass der von Beck prognostizierte Wandel familialer Lebensformen in der von ihm dargestellten Art nicht zutreffend sei. Sie stützt sich dabei auf eine Analyse des deutschen Jugendinstituts, die besagt, dass 85% aller minderjährigen Kinder in Deutschland in einem Kindschaftsverhältnis leben, das dem Normalitätsmuster entspreche. Es gebe zwar einen Anstieg von Alleinerziehenden-Familien, nichtehelichen Lebensgemeinschaften usw., aber in diesen Familienarten wüchsen kaum Kinder auf und falls doch, so würden diese Familienformen dem Normalitätsmuster angeglichen. Die Pluralisierungsthese bedeute in Bezug auf Kindheit nicht die allgemeine Auflösung der Familie als traditionelle Bindungskraft. Kindheit bleibe also wie bisher auch Familienkindheit.
Verändert habe sich allerdings die Bedeutung von Kindheit. Sie sei geprägt durch den Antagonismus zwischen Emotionalisierung und Rationalisierung. Diese beiden Faktoren würden in der Eltern-Kind-Beziehung gleichzeitig und in gesteigerter Form auftreten. Der Wandel hin zu einer emotionalisierten und rationalisierten Erziehung könne zu einem Widerspruch in der Selbstständigkeitsentwicklung des Kindes führen. Die Gleichgewichtung von Kindheit und Erwachsensein und das Verschwinden von Kindheit und der entwicklungspsychologischen Kindheitsphase seien weitere mögliche Folgen dieser Art von Erziehung. Insgesamt müsse von einer gesteigerten rationalisierten Kindheit gesprochen werden. Jostock stimmt den Thesen Becks und Beck-Gernsheims zum innerfamilialen Individualisierungsprozess zu. Die Individualisierung löse die Kindheit aus dem historischen Erziehungsverhältnis heraus und binde sie in ein neues Beziehungsgeflecht ein.
Auf der zweiten Ebene (Ebene des Stabilitätsverlustes) untersucht Jostock den, von Beck behauptete, Verlust traditioneller Handlungsgewissheiten, der zu individuellen Handlungen zwingen würde. Nach den Studienergebnissen von Büchner/Fuhs (1994), Zeiher/Zeiher (1994, 1989) und Corsaro (1994) wandle sich das Handeln der Kinder in immer früherem Alter und stärker als in vergangenen Generationen zu rationalisiertem Handeln. Für Kinder bedeute diese rationalisierte Kindheit innerhalb der Kinderkultur entscheiden, planen und auswählen zu müssen. Der Einfluss der elterlichen traditionellen Prämissen sei dabei nicht verschwunden, sei aber nicht mehr die ausschließliche Vorgabe für kindliches Handeln. Ein vollkommener Verlust von traditionellen Sicherheiten sei also, aus kindheitstheoretischer Sicht, noch nicht erkennbar. Eine Tendenz zu einem erhöhten Maß an individualisiertem Handeln zeichne sich jedoch für die spät- bzw. postmoderne Kindheit ab.
Auf der dritten Ebene schließlich (Ebene der Kontrolle) überprüft die Autorin, ob die Institutionalisierung als Voraussetzung einer Standardisierung das wichtigste Merkmal von postmoderner Kindheit ist. Jostock stimmt hier Beck zu, dass Kindheit bezogen auf die diese dritte Ebene verschiedenartigen Prinzipien der Standardisierung ausgesetzt sei. Von einer neuen Art der sozialen Einbindung, die keine Traditionen zur Grundlage hat, könne aber nicht gesprochen werden. Explizit weist Jostock darauf hin, dass die von Beck nachdrücklich hervorgehobene Gleichzeitigkeit von Herauslösungen und Standardisierungen für Kindheit zu relativieren sei. Erst wenn Institutionen das zentrale Charakteristikum für Kindheit seien, könnte man von einer reflexiv standardisierten Gegenbewegung zur Herauslösung sprechen. Diese könnte im Extremfall eine Entindividualisierung erzeugen. Abschließend nennt Jostock die Herauslösung aus traditionellen Bedeutungen, Vorstellungen usw., sowie aus dem traditionellen Erziehungsverhältnis, als den aus kindheitstheoretischer Perspektive entscheidenden Aspekt von Individualisierung.
2. Abschließende Analyse und Kritik
Beide Autoren befassen sich differenziert mit der Problematik des Wandels von Kindheit. Die Vorgehensweise dabei ist jedoch unterschiedlich. Während Cloer keine bestimmte Theorie als Gerüst für seine Arbeit verwendet, nutzt Jostock die Gegenwartsdiagnose von Ulrich Beck. Zwar zitiert auch Cloer, zumindest in der Überschrift, Beck und Preuss-Lausitz, eine direkte inhaltliche Auseinandersetzung mit deren Theorien führt er jedoch nicht durch. Stattdessen nennt er die Ansichten über Kindheit von August H. Francke, Ellen Key, Jean-Jacques Rousseau, Philippe Ariès, Lloyd deMause und Neil Postman. Besonders ausführlich schildert er die Theorien von Rousseau. Cloer nennt Rousseau den Referenztheoretiker, doch dies gilt nur in Bezug auf die Art und Weise, wie dieser eine Theorie frei von Komplexitätsreduktionen erstellt hat. Im weiteren Text nutzt Cloer Rousseaus Ansichten jedoch nicht mehr. Im Gegenteil, um der Gefahr zu entgehen, durch seine eigenen Grundbilder bei der Analyse des gesellschaftlichen und jugendkulturellen Wandels negativ beeinflusst zu werden, vermeidet es Cloer Eindeutigkeit zu erzielen. Das Vermeiden von Eindeutigkeiten ist die Stärke des Cloer’schen Aufsatzes. Grundsätzlich besteht durch diese Vorgehensweise aber die Gefahr, dass aufgrund der Angst vor einer möglichen Vereinfachung des Sachverhalts, keinerlei Ergebnisse präsentiert werden. Bei Cloer, und darum ist sein Aufsatz positiv zu bewerten, geschieht das jedoch nicht. Die von ihm im dritten Kapitel aufgestellten Thesen sind präzise ohne dabei die Ambivalenz des gesellschaftlichen Wandels außer Acht zu lassen.
Anders als Cloer baut Jostock ihre Arbeit entlang der drei Dimensionen des Individualisierungstheorems von Beck auf. Sie begründet diese Vorgehensweise folgendermaßen: „Das Individualisierungstheorem kann methodisch nur deshalb direkt auf Kindheit bezogen werden, weil die soziologische Perspektive Kinder und Kindheit als vollwertige Bestandteile der Gesellschaftsstruktur annimmt.” ([2]S. Jostock, 1999: S. 35). Jostock hat recht mit dieser Aussage. Kinder und die Kindheit sind keine Nebensächlichkeiten der Gesellschaft. Die in der Kindheit vermittelten Werte und Normen wirken sich auf das Handeln im Erwachsenenalter aus. Die Individualisierung beeinflusst zwar zuerst die Erwachsenenwelt, aber dadurch wirkt sie sich direkt auf die Kindeserziehung und somit auf spätere Gesellschaftssysteme aus. Im Gegensatz zu Cloer analysiert Jostock also ganz bewusst mit einer bereits bekannten und als zutreffend angesehenen Theorie ((vgl. [ 2 ] S. Jostock, 1999: S. 34)) den Wandel von Kindheit. In ihren erarbeiteten Ergebnissen widerspricht sie teilweise den Annahmen Becks und begründet ihre Urteile durch Statistiken und soziologische Untersuchungen. So zeigt Jostock, dass sie sich von Becks Individualisierungsmodell nicht verleiten, sondern nur leiten ließ.
Obwohl Cloer und Jostock jeweils einen anderen Ansatz für ihre Analysen von Kindheit gewählt haben, haben beide die Existenz einer Individualisierung von Kindheit erkannt. Beide Autoren weisen auf die veränderte Bedeutung der Familie bei der Kindes-Erziehung und die voranschreitende Einebnung der Generationsdifferenz zwischen Erwachsenen und Kindern hin. Cloer bewertet, im Gegensatz zu Jostock, in seinen Schlussbemerkungen die Individualisierung als Chance aber auch als negativ empfundene Dauerbelastung für den Einzelnen und weist deutlich auf Problembereiche (vgl. [1] E. Cloer, 1999: S. 33ff). Jostock hingegen liefert einen fast „wertneutralen” Kindheitsbefund.




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