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Schießen, laden, zielen – nach dieser Divise pflegen nur totale Versager zu arbeiten. Ich dagegen kopiere gleich erfolgreiche Kampagnen und spare mein kreatives Pulver für wirklich wichtige Dinge auf. Beispielsweise für die Nahrungssuche. Mein eingangs erwähnter Hunger ist schließlich immer noch nicht gestillt. Und bevor ich unseren Datenserver und das Internet nach guten Headline- und Kampagnen-Ideen durchforste, will ich erst einmal Energie tanken. Da essen zu lange dauert, muss es eben Sprit sein. Am besten mit ein paar Extraumdrehungen. Ich schleiche also in die Küche und plünder den Geheimvorrat unseres Client Service Directors Marvin Age. „Die Flasche wird sowieso nichts merken“, denke ich und setze an. Auf ex! Gluck, gluck, schluck – ahhhh, das tat gut. Na komm, auf einem Bein kann man nicht stehen und schon fließt der Inhalt der zweiten Flasche meine ausgedorrte Kehle hinunter. Verflucht! Ich glaube der Schnaps vom CSD hat mir den Rest gegeben.
„Haha, schon komisch, dass die Abkürzung für Client Service Director sich nach einer Schwulenparade anhört. Aber passt auch irgendwie, Berater sind sowieso alles Tunten“, höre ich mich sagen. Besser, ich hätte die Finger von Marvins Fusel gelassen, mit den aufkommenden bad Vibrations kann ich nicht arbeiten. Schon fange ich an, wirres Zeug zu reden. Ich glaube, ich lege mich erst einmal hin. Die Arbeit wird sich schon irgendwie von selbst erledigen. Zur Not muss ein Praktikant dran glauben. So war es bisher immer. So wird es immer sein und wenn nicht ist auch egal!
3 Stunden und 15 Minuten später:
Ich habe einen unruhigen Schlaf. Meine Träume quälen mich. Die Geister der Vergangenheit lassen mich nicht in Ruhe. Ich stehe auf und nehme noch einen Schluck. Jetzt kann ich besser schlafen.
7 Stunden und 38 Minuten später:
Ich wache schweißgebadet auf. Der Termin mit CHOCOLATE DE BRUXESSLES ist in 4 Minuten. Meine Klamotten riechen nach Pumakäfig und mein Blut kocht. Ich bin bereit. Ich bin voll da! Alles, was mir fehlt sind Headlines. Ich schaue in den Untiefen meines Rechners nach etwas Verwertbaren. Alter Text, neues Logo, fertig – so lautet die Devise. Noch 2 Minuten bis zum Meeting. Ich suche weiter, mein Puls rast. Unter Druck arbeite ich am besten. Noch 1 Minute. Die Sekunden verrinnen. 40 Sekunden. Mein Chef kommt zu mir und will mich fragen, wo meine Texte seien. Schließlich müssen Sie noch ins Layout. Doch als ihn der Gestank meiner Klamotten anknurrt, macht er auf dem Absatz kehrt. Die letzten 10 Sekunden. Bei den Texten für CANDICE LAFAYETTE Jewlery werde ich schließlich fündig: „Kostbare Verführung“ – passt doch einigermaßen.
Hastig drucke ich die Seiten aus und stürme zum Meeting. Ich reiße die Tür auf – doch was muss ich da erblicken?! Der hirnamputierte CSD, der nichts, aber auch gar nichts zur kreativen Lösung beigetragen hat, sonnt sich im Glanze meiner harten, nächtlichen Arbeit. Zum Kotzen ist das! Ich muss mich erst einmal setzen. Als wäre es nicht schon genug, sehe ich dann noch, dass hier gar nicht meine Kreation vorgestellt wird sondern ein „Werk“, das wir schon einmal vergeblich bei einem anderen Kunden verkaufen wollten. Aus Scheiße werde Gold – nach dieser Divise verfährt Mister Marvin „Laberhans“ Age nur allzu gerne. Doch diesmal nicht. Ich halte diese Demütigung einfach nicht mehr aus.
„Es tut mir schrecklich leid“, ich hebe theatralisch meine Stimme, „aber das Zeug da wird in keinster Weise der Marke CHOCOLATE DE BRUXESSLES gerecht. Ich haue mir hier die Nächte um die Ohren und Ihr habt nichts Besseres zu tun, als … ach, Ihr könnt mich alle mal: Es ist eine geklaute Kampagne und ich halte es für unverantwortlich …“
„Ed! Verdammt, was redest Du?“, schnauzt mich Age an, „das hier ist nicht das CHOCOLATE DE BRUXESSLES Meeting, Du Pfeife. Das ist VECTOR Damenrasierer und jetzt raus hier!“
„Geklaute Kampagne?“ fragt der Kunde, „das ist unerhört …“
Der Rest geht im allgemeinen Geschrei unter. Mittlerweile dürfte auch das echte CHOCOLATE DE BRUXESSLES Meeting ein Desaster sein. „Wenn der Wagen einmal gegen die Wand gefahren ist, brauche ich auch nicht mehr einsteigen“, denke ich und verlasse pünktlich um 10:35 Uhr die Agentur.
Mein Brummschädel braucht dringend eine Pause. Ich gehe nach Hause und schmeiße mich ins Bett. Doch bevor ich richtig einschlafen kann, höre ich mein Telefon klingeln. Das kleine Ding kreischt förmlich. Ich nehme ab.
„Ed, Du blöder Hund wo warst Du?“, brüllt mein Chef, „Marvin sagte, Du hättest Herrn Schmitz von VEKTOR beleidigt. Der Kunde steht offenbar kurz davor, der Agentur zu kündigen. Bravo, Du Genie, damit hast Du heute vielleicht gleich zwei Kunden zum Teufel gejagt. CHOCOLATE DE BRUXESSELS war eine Katastrophe. Ich mach Dich fertig. Du bist …“ Klack. Ich lege auf. Mein Schlaf ist mir wichtig.
„Gut“, sage ich, „dann bin ich eben gefeuert. Es sei!“ Da draußen wartet bestimmt ein neues Abenteuer auf mich.




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