Der Sturm “Emma” rast über Düsseldorf hinweg wie eine Furie. Es pfeift und windet im Gebälk des netten Altbaus von meiner einer. Was kann ich tun, um die destruktiven Kräfte der Natur möglichst konstruktiv zu nutzen?! Fernsehgucken? - Nö, zu langweilig. Playstation? - Ach nee, für die Bestien und blutige Headshots in Resistance bin ich gerade nicht genug in Kampfeslaune. Für Kino ist es noch zu früh, außerdem war ich erst am Freitag in “No country for old Man” (übrigens: unbedingt ansehen!!!).
Bleibt also noch das Museum. Doch welches? In Düsseldorf gibt es schließlich eine ganze Menge interessanter Kulturangebote. “Kunst im Tunnel”, das Neanderthaler-Museum und natürlich sind da noch das K21 und K20. Letzteres schließt übrigens Ende April wegen Renovierungs- und Ausbauarbeiten. Für eine Zeitspanne von anderthalb Jahren werden zahlreiche Werke u. a. von Picasso, Ernst, Beckmann, Beuys, Lichtenstein und Richter nur in den Austellungskatalogen zu bewundern sein. Aus diesem Grund fiel die Entscheidung zu Gunsten des K20 und den aktuellen Ausstellungen von “Idris Khan” und “Ein Blick zurück”.
Idris Khan - Every …
Die präsentierten Werke des jungen britischen Künstlers (* 197
Idris Kahn beeindrucken durch ihre gigantischen Ausmaße und technische Perfektion. Furios legt Khan beispielsweise mehrere Werke des italienischen Meisters Caravaggio in Halbtransparenzen übereinander. Das Bild mit dem Titel “Die letzten Jahre” zeigt ein wildes Gewirr aus Körpern, Dunkelheit und Licht, dessen Bildzentrum hell erstrahlt. Bei der Betrachtung des Bildes ertappte ich mich, wie ich zwanghaft versuchte einen tieferen Sinn im Dargestellten zu suchen. Stellt es mit dem hellen Zentrum etwa eine Variante des “Lichts am Ende des Tunnels” dar und verweist damit auf den bevorstehenden Tod? Das würde doch passen im Hinblick auf den Titel. Oder soll es einfach nur sein? Ich fühlte mich wie ein naives Kind, das in den Formen von Wolken auch immer ihm Vertrautes wie Gesichter sucht und erkennt. Verwirrt und grübelnd trat ich meinen Gang in die Austellung “Ein letzter Blick” an. Bei der Klassischen Moderne weiß man zumindest, was man hat und sieht. Oder?!

Idris Khan: Caravaggio … The Final Years, 2006
Digital C-Print auf Aluminium
257 x 173 cm
© Idris Khan, 2007
Meisterwerke der Moderne - Ein letzter Blick
Ah, wie schön, da hängen sie also, die alten Meister. Also nicht die Meister selbst, sondern deren grandiosen, z. T. monumentalen Werke. Roy Lichtensteins “Big Painting No. 6″ zum Beispiel. Das 233 x 328 cm große Gemälde zeigt in bester Pop-Art und Weise den Pinselduktus schmierig-dicker Ölfarbe. Allerdings ist das Werk selbst durch einen lasierenden, flächigen Farbauftrag entstanden. Im offiziellen Museumsführer spricht man von “Selbstreflexion des Bildes mit malerischen Mittlen” - aha, jaja, so ist das. Schön sieht es dennoch aus.

Roy Lichtenstein: Big Painting No. 6, 1956
Öl und Magna auf Leinwand,
233 x 328 cm
Wie man sieht, lohnt es sich also definitiv, die beiden Ausstellungen in Düsseldorf zu besuchen. Und zum Beweis möchte ich noch eine kleine Geschichte aus der Antike zum Besten geben, die ich während meines Studiums gehört hatte und die ich in abgewandelter Form bei meinem heutigen Museumsbesuch selbst erlebte. Doch zuerst die antike Anekdote:
Es gab einmal einen Wettstreit zwischen drei verschiedenen Malern. Jeder von Ihnen glaubte der Beste unter den Besten zu sein. Um zu klären, wer es denn nun wirklich sei, riefen sie die Weisen hinzu. Die Aufgabe, deren Lösung den Streit beenden sollte, bestand darin, ein Schale mit frischem Obst zu malen. Die drei Meister begaben sich sofort ans Werk und schon nach wenigen Wochen kamen sie alle wieder zusammen. Der Vorhang des ersten Bildes wurde aufgezogen und zum Vorschein kamen die herrlichsten Früchte, die man sich nur vorstellen kann. “Das ist der Sieger”, riefen Jujoren verzückt. Doch als sie das zweite Bild sahen trauten sie ihren Augen kaum: die Früchte auf dem zweiten Bild waren sogar noch herrlicher und “echter” als die echten Vorlagen. Das einzige, was störte, war der Vorhang, der den Blick auf das Meisterwerk störte. “Schiebt den Vorhang zur Seite, wir wollen das Bild bestaunen!” “Das geht nicht, meine Herren”, entgegnete der zweite Künstler mit einem Lächeln, “denn auch den Vorhang habe ich gemalt!” “Donnerwetter, dann seid Ihr der Sieger des Wettstreits. Denn wer es schafft unsere Augen zu täuschen, der ist wahrlich der Meister der Meister!” Nur des Anstands wegen waren die Weisen anschließend noch bereit das Bild des dritten Künstlers anzuschauen. Und als sein Bild enthüllt wurde, kamen sogleich zahlreiche Vögel geflogen und versuchten die gemalten Köstlichkeiten zu picken. Nun stand der Sieger des Wettstreits endgültig fest: Nur der dritte Künstler konnte zum größten Meister erklärt werden, denn er hatte nicht nur die Augen der Meister genarrt, sondern auch die Natur so perfekt imitiert, dass selbst die Tiere seine Kreation für echt hielten.
So wie auch die Weisen, ließ ich mich von meinem Verstand beirren oder besser: mein Unverstand wurde einmal mehr sichtbar. Ich betrachtete nämlich ein Blumen-Bild von Gerhard Richter, welches zwischen zwei abstrakten, von großzügigen Farbflächen dominierten Bildern hing. “Schön, da hat der tolle Künstler also mal ein Foto gemacht. Hübsch!” Doch bei näherem Hinsehen, erkannte ich, dass es tatsächlich gemalt war. Und so hatte mich zum ersten Mal ein Bild genarrt. Chapeau!
Wer mir nicht glaubt, soll selber sehen. Ich kann es jedenfalls nur jedem raten, sich noch bis Ende April die Ausstellung anzusehen. Für so vielschichtige Könner wie Miró oder Altenbourg lohnt sich schließlich immer ein Gang nach Düsseldorf - auch für Kölner 