Runde 2: Ist die EU ein Superstaat?
Andi: Natürlich nicht. Das ist wieder so ein typisches Vorurteil aus der britischen Yellow Press. Die EU ist wohl eher eine staatenbundähnliche Organisation, die als eine neue Governance Form gelten kann.
Flo: Die EU ist weder super noch ein Staat. Sie ist ein Staatenverbund. Das heißt, dass alle Mitgliedsstaaten prinzipiell ihre Souveränität behalten, aber in einigen Angelegenheiten ihre Verantwortung an eine übergeordnete bzw. supranationale Organisation übertragen, so geschehen z. B. bei der europäischen Währungsunion.
Andi: Also Souveränität ist doch eher ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert! Geteilte Verantwortung hat eben geteilte Souveränität zur Folge. Die Frage ist doch eher, wie die demokratische Legitimation der EU gestärkt werden kann!
Flo: Gar nicht. Denn die EU ist nicht legitim, da die wesentlichen Entscheidungsgremien nicht vom europäischen Volk direkt gewählt werden. Darum bezweifle ich auch, dass es tatsächlich ein gemeinsames Verantwortungsgefühl der EU-Mächtigen gegenüber der gesamten europäischen Bevölkerung gibt.
Andi: Es gibt ja immerhin das Europäische Parlament, das ja direkt gewählt wird und in den letzten Jahren immer mehr Zuständigkeiten bekommen hat! Ich denke, es ist ein strukturelles Problem, dass Politiker immer nur “die in Brüssel” für alles schlechte verantwortlich machen obwohl sie selbst im Rat dafür gestimmt haben, oder sogar selbst die Idee dazu hatten! Aber so ist es natürlich einfacher keine Verantwortung übernehmen zu müssen und gleichzeitig die der Bevölkerung vorzugaukeln, dass man keinen Einfluss auf die EU hätte!
Flo: Mehr Zuständigkeiten sind nicht gleichbedeutend mit mehr Kompetenz. Denn die meisten Abgeordneten gehen ohnehin doch erst nach Brüssel, wenn es für sie national nichts mehr zu holen gibt. Das sind alles grob unfähige Dilletanten. Außerdem sind sie in höchstem Maße korrupt, wie die Razzia in Brüssel im März 2007 zeigte.
Andi: Das Problem ist doch eher, dass man seine MEPs nicht kennt, weil sie kaum in den Medien auftauchen. Die Berichterstattung über die EU in Zeitungen und TV ist doch erbärmlich! Es wird, wenn überhaupt, nur oberflächlich und unregelmäßig berichtet. Korruption gibt es natürlich überall, auch in deutschen Verwaltungen und wahrscheinlich sogar in der Regierung! Es ist doch ein Fortschritt, dass die Behörden dieses Problem strafrechtlich verfolgen!
Flo: Das ist kein Fortschritt, sondern eine Selbstverständlichkeit! Und genau hier sehen wir, wie es um die Moral in der EU bestellt ist: „Die nationalen Parlamentarier sind korrupt, darum dürfen wir das auch.” Das ist ekelhaft. Vielleicht können wir uns auf folgendes einigen: um zu funktionieren, braucht das Europäische Parlament mehr Öffentlichkeit und fähigere Abgeordnete. Doch auch dann bleibt vermutlich noch die traditionelle Uneinigkeit der Europäer. Polen kann nicht mit Deutschland, Deutschland wird von Frankreich an der Nase herumgeführt und die Franzmänner ärgern sich wiederum über die Engländer. Denn die von der Insel machen lieber ein BBQ mit den Amis, als sich für die Belange Europas einzusetzen. Auch darum wird es niemals einen europäischen Superstaat geben.
Andi: Tja, das gehört halt dazu, aber das zeigt auch wieder die Unfähigkeit der Medien diesen Debatten keine inhaltliche Dimension zu geben! Einfach immer auf nationalen Vorurteilen rumreiten bringt ja nicht viel! Es stimmt aber, dass die britische Regierung nicht unbedingt konstruktiv dazu beigetragen hat die EU voranzubringen. Trotz Blairs Europaenthusiasmus, den er gerne außerhalb des Königreiches propagiert hat, hat er es nicht geschafft die britische Medienlandschaft und die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die EU auch für Großbritannien wichtig ist. Vielleicht wäre ein Austritt aus der EU für Großbritannien sowie für die Entwicklung der EU besser?
Flo: Das liebe ich ja an den Pro-EU Boys and Girls: wenn einer eine unpopuläre, EU-kritische Politik vertritt, werden schnell die hehren Völkerverständigungs- und Friedensideale über Bord geworfen. Frei nach dem Motto “bist Du nicht für uns, bist Du gegen uns.” Das ist die Vorstufe zur Diktatur und der Grund, weswegen man die EU immer kritisch beobachten muss. Übrigens würde ein Austritt bzw. Rausschmiss Großbritanniens einer Bankrotterklärung der EU gleichkommen. Von den wirtschaftlichen Folgen ganz zu schweigen.
Andi: Nein, also wirklich! Es geht ja nicht um ein Verbot von Kritik, sondern um die Strategie wie es mit der EU weitergehen soll und welche Rolle Großbritannien darin spielen will. Es würde ja nicht zu einem Rausschmiss kommen, eher zu einem Austritt, der in der Tat negative wirtschaftliche Folgen für Großbritannien mit sich bringen würde. Aber im Prinzip hat der Prozess einer ‘multi -speed’ EU ja schon begonnen: Großbritannien ist nicht in Schengen, hat keinen Euro und hat auch den Prüm Vertrag nicht unterzeichnen. Es scheint wohl nicht mehr möglich zu sein, immer alle 27 Mitglieder mit ins Boot zu nehmen, deshalb werden diese kleineren Initiativen zunehmen.
Flo: Halten wir fest - und korrigiere mich wenn nötig: die EU ist wie ein Ruderboot, dessen Ruderer ihre Paddel mit bewundernswerter Asynchronität ins Wasser tauchen. Da ist es kein Wunder, dass man nicht vorankommt.
Andi: Ja, aber es bewegt sich ja doch! Gleichzeitig gibt es noch ein paar kleinere Boote die den Weg zeigen! Und wie wir beim Euro oder Schengen sehen, immer mehr EU Mitglieder stoßen dazu!



