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Als ich zu mir komme, finde ich mich in einem düsteren Kerker wieder. An den Wänden tropft Wasser hinunter. Neben mir liegen Skelette. Ratten kriechen über ihre Knochen. Ich werfe einen Blick durch einen kleinen Spalt an der Zellentür. Zwei Wächter hat Greifenbach für mich abgestellt. Was für eine Ehre.
Ich muss meine Wächter überlisten! Aber wie?! Sie stammen nämlich vom Volk der Grottenmupfelmolche, die berüchtigsten Kerker- und Foltermeister dieses Teils der Milchstraße. Schluopp und Muff – so heißen meine beiden Bewacher – sind dabei zwei ganz besonders miese Exemplare. Sie sind wahre Meister, wenn es darum geht, mit normalen Alltagsgegenständen ihre armen Opfer vor Schmerzen in den Wahnsinn zu treiben. Sie kennen keine Gnade. Nein, sie haben sogar Freude an ihrem scheußlichen Werk. An ihre gute Seele oder ihr Gewissen zu appellieren macht also gar keinen Sinn. Denn sie haben Keines. Eine Schwäche haben sie dennoch: sie hassen es, wenn es ihrem Opfer schlecht geht bevor sie selbst Hand angelegt haben. Das schmälert nämlich den Ruhm in ihrer internen Foltermeisterschaft.
Schluopp und Muff haben in den letzten sieben Jahren bereits fünfmal die Teamwertung in der Disziplin „Messer und Gabel“ gewonnen. Dieses Jahr soll endlich auch der Titel der Königsklasse „Löffel und Schneebesen“ folgen. Die beiden behaarten Biester sind schon ganz aufgeregt. Alle paar Minuten gucken sie zu mir in die Zelle, um sich zu vergewissern, dass es mir auch wirklich gut geht.
„Irgendenwelche Wünsche?“, fauchen sie mit einer perfiden Freundlichkeit.
Ich ignoriere die Fragen und lasse meinen Blick durch mein Gefängnis nach etwas Brauchbarem schweifen. Das Guckloch der Tür schließt sich wieder. Jetzt ist meine Chance. Ich muss zu drastischen Mitteln greifen. Ich schließe die Augen, atme tief durch und beiße mir dann selbst die Zunge ab. Sofort sprudelt das Blut aus meinem Mund wie frisches Quellwasser. Das ich nicht vor Schmerzen ohnmächtig werde, liegt nur an meiner Vorfreude auf das was da gleich kommen wird: Und tatsächlich, schon wenige Sekunden später öffnet Muff wieder das Guckloch und schlägt sofort Alarm. „Er ist verletzt! Er ist verletzt!“, quieken die Grottenmupfelmolche panisch. Die Tür wird aufgerissen und meine beiden Peiniger in spe stürmen hinein um mich zu versorgen. Denn neben ihrer Tätigkeit als Folterer sind sie auch noch hervorragende Ärzte – wer sich gut mit der Anatomie des Lebens auskennt, kann es seinen Opfern eben auch leichter schwerer machen. Zynisch, aber wahr.
In ihrer Hast mir das Leben zu retten, verkennen die Beiden ein wenig die Gefahr, in der sie sich befinden. Als sie gerade ihre medizinischen Geräte auspacken, erwache ich aus meiner Scheinohnmacht und greife mir flink zwei Skalpelle. Entsetzt schreien Muff und Schluopp wie kleine Ferkel, die zur Schlachtbank geführt werden auf. Behende lasse ich die Klingen über ihre Kehlen tanzen. Mit wilden Zuckungen und schäumenden Gurgeln verlassen meine beiden Widersacher das Diesseits und betreten die andere Seite. Dort warten schon die Geister ihrer Opfer. Die Rache ist süß!
Als ich mein blutiges Werk vollbracht habe, mache ich mich auf den Weg nach oben. Ich dringe in den schwarzen Turm ein. Wo ist Funny? Ich laufe die Treppen immer weiter hinauf. Es ist wie der Traum, den ich vor kurzem hatte. Hinter mir höre ich Schreie, die auf keinen Fall menschlich sein können. Sie klingen wie Dämonen der Vergangenheit. Der Geruch von verbranntem Fleisch liegt in der Luft. Aber wo ist Funny?
Ich stürme durch die Gänge nach oben. Keine Wache hält mich auf. Alle, die sich mir in den Weg stellen, fallen wie die Fliegen. Ich kenne keine Gnade. Endlich bin ich wieder oben in dem verfluchten Hospital. Es ist also tatsächlich die Basis des Nazi-Vampir-Clans. Endlich erreiche ich den Festsaal. Alle sind versammelt, um die Erweckung der Báthory zu erleben. Da sehe ich, wie Igor Funny auf den Altar in der Mitte legt. Sie scheint nicht bei Bewusstsein zu sein. Vermutlich möchte Greifenbach sie als eine Art Gefäß für den Geist der Blutgräfin Báthory missbrauchen. Das muss ich verhindern. Schon stechen die kleinen Koreaner ihr Schläuche in den Arm.
Ich schleiche hinter den Wächtern vorbei und bahne mir meinen Weg Richtung Bühne. Fräulein Liebrecht beginnt mit der Beschwörungsformel. Alle lauschen andächtig. Nur ich nicht. Vorsichtig nähere ich mich von hinten einem unaufmerksamen Oger. Mit voller Wucht ramme ich ihm meine beiden Skalpelle in den Nacken und durchtrenne dabei sein Rückenmark. Mit einem leisen Jammer sinkt er unbemerkt von den anderen zu Boden. Ich hebe sein Schwert auf und springe mit wildem Kriegsgeschrei auf die Bühne. Liebrecht erstarrt und Greifenbach dreht sich verdutzt um. Als sich unsere Blicke kreuzen lasse ich meine Klinge quer durch sein Gesicht fahren und spalte seinen Schädel. Das Blut spritzt auf Liebrecht und ihr Beschwörungsbuch. Auch mit ihr mache ich kurzen Prozess. Die umstehenden Trolle, Oger und Vampiere sind fassungslos. Ich erwarte meinen Tod.
Doch anstatt mich anzugreifen, ergreifen die dunklen Horden die Flucht. „Schlag der Schlange den Kopf ab und Rest stribt auch!“ Ich gehe zu Funny und streichele ihr über die Stirn. Sie öffent die Augen.
„Wo bin ich?“
„In Sicherheit! Ich habe Deine Botschaft verstanden.“
„Welche Botschaft?“
„Die Bananen, SBZ, Ostdeutschland.“
„Von was redest Du? Das waren meine Einkäufe. Ich hatte mich nur in unserem Schlafzimmer versteckt. Als …“
„Schon gut, Baby, schon gut. Schone Dich!“
Ich drücke sie an meine Brust. Ob Schicksal oder Zufall – das ist mir egal. Wir haben gesiegt, Greifenbach verloren. Das ist alles, was mich interessiert. Das ist alles, was zählt!
ENDE




