
Der Kopierer - die Horrer-Zukunftsvision kreativen Schaffens
Viele selbsternannte Kreative wünschen sich große Kampagnen zu entwickeln. Doch ihr Handeln steht im krassen Widerspruch zum proklamierten Anspruch nach Originalität. Da man sich ein “echtes” Fotoshooting “an dieser Stelle nicht leisten” kann oder eher will, greift man gerne auf istockphoto, Getty Images, fotolia und Co. zurück. Dort kann man sich schließlich ganz bequem eine Reihe von Fotos und Illustrationen herunter laden. Manche nennen dieses Vorgehen “Konzeption”. Lachhaft! Es spricht ja nichts dagegen, dass man, um Kunden einen Eindruck von dem möglichen Endprodukt zu vermitteln, auf Stockphotos zurückgreift. Aber doch bitte nicht ausschließlich und schon gar nicht aus Bequemlichkeit. Es nervt einfach unheimlich, wenn man sieht, wie absolut talentierte Kreative aus Mangel an Einsatzwille lieber zum Plagiator werden, als etwas Neues zu kreieren. Zumindest ein höheres Maß an Selbstkritik und Ehrlichkeit wäre in manchen Situationen wünschenswert. Denn nichts ist peinlicher als sich mit fremden Lorbeeren zu schmücken - besonders dann, wenn Kollegen einem für diese Fremdleistungen auch noch begeisteres Lob aussprechen.
Aber nicht nur aus Gründen der Integrität sollte man den Anteil von Fremdkreationen in der eigenen kreativen Arbeit möglichst vermeiden. Denn auf Dauer wirkt sich ständiges Zitieren bzw. neudeutsch “Remixen” negativ auf die eigene kreative Leistungsfähigkeit aus. Ein Beispiel: Um für einen Kunden eine Illustration anzufertigen, wurde diverses Stockmaterial gesichtet und nach geeigneten Motiven durchsucht. Die Suche gestaltete sich schwierig und war einigermaßen ergebnislos, bis wir auf die Idee kamen, einfach die benötigten Szenen selbst nachzustellen. Und genau das taten wir dann auch. Der Clou dabei ist übrigens, dass die Motiv-Vorlagen dabei nicht nur viel lebendiger und besser wurden, auch die Produktionszeit verkürzte sich. Dieses Beispiel zeigt, dass “Selbstgemachtes” sich gleich in mehrfacher Hinsicht auszahlt: die Erstellungszeit verkürzt sich, da die nervige Suche nach geeigentem Stockmaterial entfällt, die Produktion macht viel mehr Spaß und das Ergebnis ist wirklich originell - in jeder Hinsicht. Zudem war in diesem Fall sogar die Produktion billiger als das oftmals billige aber nicht immer preiswerte Stockzeug!
Gute Qualität muss also nicht unbedingt teurer sein, sie erfordert lediglich ein gewisses Mehr an kreativem Eigeneinsatz. Doch nicht nur die Werbe- bzw. Kommunikationsdienstleistungsbranche ist von der Seuche der der Remix-Sucht befallen. Auch im Bereich von Literatur, Musik und Film vertraut man lieber auf erprobte Strickmuster und produziert Neuinterpretationen von Erfolgsrezepten. Ist dies das Ende der Kultur? Wohl kaum. Bekanntlich kam es im Laufe der Geschichte immer wieder zu Hommagen, Revivalen und Remakes - also mit anderen Worten zum Kopieren von Bewährtem. Auch große Künstler wie Pablo Picasso und Francis Bacon haben alte Meister kopiert, um ihren Stil zu studieren und selbst besser zu werden. Im Prinzip ist kopieren also nicht schlimm, solange der ursprüngliche Ersteller genannt wird und man sich nicht selbst als Erfinder rühmt. Schließlich muss man ja nicht immer das Rad neu erfinden, aber man sollte es wenigstens versuchen und mit einem hohen Anspruch arbeiten auch wenn es manchmal mühsam ist. Genau dies ist aber die Krux in Zeiten von istockphoto und Photoshop: es macht das Kopieren und Zusammenfrickeln viel zu leicht und lässt mittelmäßige Arbeiten mit geringem Aufwand viel zu gut aussehen. Der Fortschritt der technischen Hilfsmittel trägt jedoch nicht die Hauptverantwortung am Niedergang kreativer Vielfalt. Nein, es ist nach wie vor die Faulheit des Menschen Neues zu schaffen.
Ob beim Hip Hop, in der bildenden Kunst, beim Film oder eben in der Werbung - überall sitzen ideenlose Phlegmatiker, die sich feige auf die “Zwänge des Geschäfts” berufen und liebend gerne Durchschnittliches erstellen. Das muss aufhören. Denn was wird vom kulturellen Schaffen unserer Generation zurück bleiben, wenn wir ständig nur Vergangenes zitieren anstatt uns von ihm inspirieren zu lassen? Jedenfalls nichts wirklich eigenes und das wäre doch echt langweilig.



