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Am nächsten Tag gehe ich frisch geduscht und straff gescheitelt zu „Branko Mei Security“. Das ist die Sicherheitsfirma der örtlichen Global Bank Filiale. Eine hübsche Assistentin weist mir den Weg zu Meis Büro. Ich zwinker ihr unwiderstehlich zu, aber sie geht kühl über meinen Flirtversuch hinweg. „Pech“, denke ich und nehme vor dem Büro Platz. Ich bin ein wenig zu früh dran. Da hier nichts rumliegt, was sich zu lesen lohnt, mache ich ein Reise zurück in die Zeit, wo ich noch als Werbetexter und Suppenkasper meine Brötchen verdiente. Schon früh merkte ich, dass ich für diesen Job eigentlich nicht geboren war. Zu oberflächlich schien mir dieses Gewerbe zu sein. Es ekelte mich an wie sensibel sich einige Typen dabei gaben. „Der Kunde hat Bauchschmerzen, darum haben auch wir Bauchschmerzen!“ so hieß es dann. Lächerlich! Normalerweise fangen nur Kleinkinder aus Sympathie an zu heulen, wenn ein anderes sich gerade in Tränen auflöst. Doch hier flossen nicht einmal Tränen, geschweige denn Blut. Und dennoch war total Alarm. Aufregung pur. Aber in der Regel blieb alles ohne Konsequenz. Wenn z. B. ein Berater Mist baute, geschah meist nichts – im Gegenteil, die Pflaume wurde sogar befördert und bekam „neue, anspruchsvolle“ Aufgaben übertragen. Eigentlich ja nett, wenn es immer eine zweite Chance für jeden gibt. Aber gemessen an dem veranstalteten Trara eine nervtötende Zumutung. Dort wo ich her komme gibt es so was nicht. Da heißt es Kopf oder Zahl – im wahrsten Sinne des Wortes. Vermutlich habe ich auch deswegen nie wirklich in dieses Werbegschäft gepasst.
Anfangs machte ich noch die Kunden für meine Unzufriedenheit verantwortlich. Zu blöd, zu langweilig und viel zu ängstlich erschienen sie mir. Natürlich war das nicht falsch, aber es war eben auch nur die halbe Wahrheit. Man kann seine Natur nicht verleugnen und ich war und bin eben kein Werbefuzzi, sondern ein unbarmherziger Auftragskiller. Aber das konnte ich mir damals nicht eingestehen – auch wegen Funny.
Damit mein Innerstes endlich wieder versöhnt war, versuchte ich wegzukommen von Lilly und Pinki. Ich bewarb mich bei den ersten Adressen der Branche. Oft bekam ich die Gelegenheit mich persönlich vorzustellen, meist fühlte ich mich aber auf Anhieb unwohl und immer hagelte es nach den Gesprächen Absagen. Eine ist mir jedoch in besonderer Erinnerung geblieben.
Ich sprach bei Hutsch & Kowalski vor. Direkt mit dem Chef. Ein großes Tier in der Werbung. Zumindest denkt er das. Damit mir das auch von Beginn an klar wurde, ließ er mich 30 Minuten warten. Dann trat seine Exzellenz Kowalski ein. Er drückte mir beiläufig die Hand, setzte sich an den Tisch und schaute sich wortlos meine Mappe an. Dann hob er den Kopf und musterte mich mit wölfischem Blick.
„Nun“, sagte er, „das, was ich in Deiner Mappe sehe, hat an wenigen Stellen gute Ansätze bleibt aber doch nur Reklame. Das was Du hier vorlegst, hat mit dem, was wir hier machen, rein gar nichts zu tun. Wir verstehen uns als kreative Grenzgänger. Das da in Deiner Mappe ist etwas Anderes, etwas wovon ich dachte es sei längst tot – zumindest wäre es besser so.“ Eisige Stille, dann fuhr er fort. „Derzeit haben wir sowieso keine Stelle frei. Aber ich schaue mir gerne neue Leute an. Auch bei dir ist noch nicht alles verloren. Du musst durch eine harte Schule. Geschliffen musst du werden.“ Vermutlich sollte mich das trösten. Tat es aber nicht. Es machte mich sauer. „Wenn Du so weit bist, melde dich. Wir können ja in Kontakt bleiben.“
Blieben wir nicht. Ich ging zurück zu Lilly und Pinki und fuhr meine Anstrenungen auf ein Minimum nach unten. Meine Motivation war weg, bis zu jenem Tag, als mich mein Chef feuerte. Aber die Geschichte kennt Ihr ja bereits. Jetzt sitze ich also hier und warte auf Branko „das Biest“ Mei. Auch er lässt sich Zeit. Aber dieses Mal ist der Job für mich auch nur Mittel zum Zweck. Unverzichtbar, um mein Ziel vom großen Geld zu verwirklichen. Da öffnet sich die Tür und May bittet mich herein. Er ist ein etwas untersetzte Mann, sehr behaart, sehr muskulös. Sein runder Schädel ist fast kahl. Unter seinen dunklen Augenbrauen blitzen zwei hellgrüne Augen. Mit dem buschigen Schnautzer hat er etwas von einem cholerischen Walross. Doch als er den Mund auf macht, klingt er richtig freundlich, fast ein wenig schüchtern.
„So, min Jung. Du willst also bei uns anfangen. Siehst ja kräftig aus. Kannst Dich also verteidigen, wenn ein paar schwere Jungs vorbei schauen. Hö hö hö!“ Ich lache aus Freundlichkeit mit. Ich will den Job.
Nachdem er meine Bewerbungsunterlagen durchgesehen hat, schaut May auf und brummt „gut, wir versuchen das. 250 Euro pro Nacht, abgerechnet wird zum Schluss – also am Monatsende. Hö hö hö!“ Scherzkeks. Ich setze meine Unterschrift unter den Vertrag. „Morgen beginnt Deine erste Schicht. Ich erwarte, dass Du pünktlich bist!“ Keine Sorge, das werde ich sein. Ich brauche schließlich die ganze Nacht, um mir ein genaues Bild von meinem Ziel zu machen.
Ich fühle mich wie ein Pokerspieler vor dem Austeilen der Karten. Der Jackpot ist so gut wie mein. Schon spüre ich wie erste Adrenalinblitze meine Muskeln durchzucken. Ich begrüße meine inneren Dämonen und freue mich diebisch auf den bevorstehenden Bruch.






